Entscheidend ist der Wille

Oldenburger Wirtschaftsmedizin, 01/2015

Mitarbeiter sind für ein Unternehmen das höchste Gut. Ohne ihre Leistungsfähigkeit kann ein Betrieb nicht existieren. Umso wichtiger ist es, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Personal gesund bleibt. Allerdings: Eine betriebliche Gesundheitsförderung einzuführen stellt viele Entscheider vor Herausforderungen. Worin die Vorbehalte liegen und warum sie in der Regel unbegründet sind, erläutert dieser Beitrag.

„Nicht jeder Unternehmer springt vor Freude in die Luft, wenn wir in seinen Betrieb kommen", sagt der Facharzt für Arbeitsmedizin und Innere Medizin Dr. Horst Vonhoegen, der seit 2009 beim Arbeitsmedizinischen Dienst Oldenburg (ADO) tätig ist. Gemeinsam mit vier weiteren Betriebsärzten, drei Fachkräften für Arbeitssicherheil und drei Verwaltungskräften gewährleistet er die Gesundheit der Mitarbeiter in Unternehmen. ,,Die Angst ist: Was wird der Betriebsarzt wohl finden und was werden mich die Maßnahmen kosten?" Bei Führungskräften wie auch auf Arbeitnehmerseite sieht sich Vonhoegen bisweilen mit kritischen Vorbehalten konfrontiert, die in Einzelfällen bis zur Gegnerschaft reichen können. Um Unternehmen vom Nutzen zu überzeugen, ist er deshalb nicht nur als Arbeitsmediziner gefragt, sondern oft auch als Unternehmenspsychologe. „ Dann aufklärend zu wirken erfordert Feingefühl", so Vonhoegen.

Dabei sind die Vorbehalte größtenteils unbegründet. Manager wie Andreas Kluge können etwa Entwarnung geben, was den finanziellen Aufwand angeht. „Betriebliche Gesundheitsförderung kostet nicht viel", stellt der Geschäftsführer des Oldenburger Fotodienstleisters CEWE fest. „Wir haben zwar eine extra Stelle für die Koordination geschaffen. Aber die Aktivitäten, die daraus hervorgegangen sind, bedeuten nur einen geringen Aufwand' Gemeinsam mit dem Gesundheitsmanager hat das Unternehmen einen „bunten Blumenstrauß" an niedrigschwelligen Maßnahmen zusammengestellt. Er enthält unter anderem vergünstigtes Training im Fitnesscenter, Lauf- und Fahrradgruppen und bewegte Pausen, in denen Mitarbeiter durch Stretching und Gymnastik gemeinsam für Bewegung sorgen sowie einen jährlichen Gesundheitstag, an dem die Mitarbeitenden zu aktuellen Gesundheitsthemen informiert werden. Für Kluge steht deshalb fest: Gesundheitsförderung ist für jedes Unternehmen realisierbar. Vonhoegen bestätigt diese Einschätzung. Auch das kleinste Unternehmen könne es leisten, in der betrieblichen Gesundheitsförderung aktiv zu werden. „Der Aufwand, den man treiben muss, um ein solches System zu implementieren, schrumpft proportional zur Firmengröße: In einem 50-Mann-Betrieb kann man Dinge in zwei bis drei Jahren umsetzen, die manches DAX-Unternehmen in zehn Jahren nicht schafft".

Was Unternehmen darüber hinaus selten bedenken: Erst gar nicht in Sachen betrieblicher Gesundheitsförderung tätig zu werden, kann sie teuer zu stehen kommen. Entsprechende Maßnahmen haben insofern sogar einen kostenre-duzierenden Nutzen. So entgingen der deutschen Wirtschaft im Jahr 2013 durch Arbeitsunfähigkeit laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 103 Milliarden Euro. ,,Mit einem betrieblichen Gesundheitsmanagement können Fehlzeitenraten um 12 bis 36 Prozent gesenkt werden", weiß Knut Tielking, Professor für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Emden/ Leer. Der Nutzen übersteige schnell die Kosten.,,Außerdem ist eine gesündere Belegschaft in der Regel motivierter, flexibler und leichter zugänglich für Innovationen", ergänzt Vonhoegen. Zwar biete Gesundheit alleine keine Gewähr für Unternehmenserfolg. ,,Wenn man allerdings zwei ansonsten sehr ähnliche Unternehmen vergleicht, dürfte das gesündere auch das erfolgreichere sein", so der Betriebsarzt. Sein Vorschlag ist gar: Die Arbeitsmedizin solle sich zur Präventionsmedizin entwickeln.

Bis sich ein Ertrag zeigt, können allerdings durchaus drei bis vier Jahre vergehen. Denn wesentlich bei der Einführung gesundheitsfördernder Maßnahmen ist: Sie sollten in langfristige strategische Überlegungen eingebunden sein. „Zuerst gilt es, eine Bedarfsanalyse zu erstellen, um die individuellen Umstände und den jeweiligen Handlungsbedarf des Unternehmens zu identifizieren", führt Vonhoegen aus. Begleitend dazu ist arbeitsmedizinischer Sachverstand ratsam. Wenn aus der Bedarfsanalyse Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt wurden, werden sie - je nach Effekt - im nächsten Schritt korrigiert, ergänzt oder sogar ersetzt.„Der Prozess ist nie beendet, sondern muss stetig weitergeführt werden; mahnt Vonhoegen. Sonst könnte die erste Begeisterung schnell in Frustration umschlagen.,,Der gefährlichste Moment!'

Davon, dass sich Unternehmen dennoch oft nicht an diese Vorgehensweise halten, kann Friederike Sohn berichten. Die selbstständige Beraterin bietet mit ihrer Praxis für qualifiziertes Gesundheitsmanagement und Suchtfragen seit acht Jahren neben Psychotherapie und Coachings gesundheitsfördernde Maßnahmen wie Stressbewältigung und Nichtraucherkurse für Selbstzahler und Firmen an. „Unternehmen handeln meist aus einem akuten Anlass, nicht aus einem langfristigen Ziel heraus", weiß sie aus Erfahrung. In vielen Fällen gebe die Unternehmensführung keine Rückendeckung. Das aber sei notwendig für eine grundsätzliche Strukturveränderung.„Denn man sollte nicht nur den Symptomträger betrachten, sondern das ganze System", ist Sohn überzeugt. „Systemisch lösungsorientiert" nennt sich der Ansatz, an dem sie sich bei ihrer Arbeit orientiert.

Zu ihren Auftraggebern zählen neben großen Unternehmen wie der Meyer Werft und VW auch kleinere und mittel-ständische wie AMF-Bruns, ein Spezialist für Förderanlagen und Hubmatik.,,Wir möchten als Arbeitgeber dazu beitragen, dass sich unsere Mitarbeiter rundum wohl fühlen - am Arbeitsplatz und privat", erläutert Geschäftsführer Jan Woltermann. „Mit gezielten Workshops von Frau Sohn etwa zu Entspannungstechniken bieten wir während der Arbeitszeit an zu lernen, einen guten Ausgleich zum täglichen körperlichen und psychischen Einsatz zu schaffen!' Das Personal sei vom Angebot begeistert.

Überhaupt das Personal: Wenn die betriebliche Gesundheitsförderung langfristig funktionieren soll, müssen die Mitarbeiter einbezogen werden. Wie bei CEWE. Hier nehmen sie etwa an der Arbeitsplatzanalyse des Gesundheitsmanagers und an Befragungen teil, vereinzelt wird in Ein-zelgesprächen nach dem individuellen Bedarf gefragt.„Auf diese Weise wollen wir die Eigenverantwortung jedes einzelnen fördern", erklärt Andreas Kluge. „Dann erst haben wir erreicht, dass die Leistungen dauerhaft genutzt werden und die Mitarbeitenden vom Eintritt bis zum Austritt fit und gesund bleiben!'

Diesen Erfolg kann die Stadtverwaltung Oldenburg bereits verbuchen. Seit Ein-führung des Betrieblichen Gesundheits-managements 2006 liegen die Fehlzeiten hier unter den Vergleichszahlen des Deutschen Städtetages.„Das macht deut-lich: Jeder Euro, der in das Gesundheits-management investiert wird, zahlt sich aus", betont die Leiterin des Amtes für Personal- und Verwaltungsmanagement Inge von Danckelman. Durch derartige Erfolgsgeschichten fühlt sich Experte Vonhoegen bestätigt:,,Entscheidend ist der Wille"

 

Fragen an:

Inge von Danckelman, Leiterin des Amtes für Personal- und Verwaltungsmanagement der Stadt Oldenburg

Wie gestaltet sich die Gesundheitsprophylaxe bei der Stadtverwaltung?

Inge von Danckelman: Gesunde, leistungsfähige Mitarbeiter sind die Basis für ein zukunftsfähiges erfolgreiches Unternehmen. Das gilt auch für den öffentlichen Dienst. Wir haben in der Stadtverwaltung Oldenburg seit 2006 ein Konzept zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement, das Arbeits-und Gesundheitsschutz, Betriebliche Gesundheitsförderung, Betriebliches Eingliederungsmanagement sowie Führungskräfteentwicklung umfasst.

Worauf legen Sie bei der Gesundheitsprophylaxe insbesondere Wert?

von Danckelman: Mir ist es wichtig, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zu schaffen und den Beschäftigten Impulse für eine gesunde Lebensführung zu geben. Dabei nehmen wir alle Mitarbeiter in den Blick und schaffen neben allgemeinen auch zielgruppen-orientierte, praxisnahe Angebote für die vielen unterschiedlichen Berufe, die es in einer Kommunalverwaltung gibt.


Wie wird das Angebot wahrgenommen?

von Danckelman: Es stößt bei unseren Mitarbeitern auf große Resonanz und trägt zu ihrer Zufriedenheit bei, steigert die Qualität der Leistungen und verbessert das Betriebsklima. Nicht zuletzt stärkt es unsere Position als attraktiver Arbeitgeber.



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