Wieviel ist zuviel getrunken?

Nordwest Zeitung, 05.07.2017

Alkohol gilt sowohl bei gesellschaftlichen Anlässen als auch zum „Runterspülen“ von Ärger als probates Mittel. Wie viel ist denn eigentlich zu viel? Wann ist der Konsum gesundheitsgefährdend und wie lässt sich vorbeugen oder bei Missbrauch oder Sucht therapeutisch agieren?


Das Gläschen Wein am Abend, das Feierabendbier oder den Schlummertrunk möchten viele nicht mehr missen. Der Alkohol ist vielerorts zum abendlichen Ritual geworden. Er ist oft kaum noch aus dem täglichen Leben wegzudenken. Anlässe wie Vatertag, Hochzeiten, Geburtstage, Silvester usw. kommen hinzu. Zu diesen gesellschaftlichen Anlässen wird oft noch ein bisschen mehr getrunken, um in einer feucht-fröhlichen geselligen Runde noch ausgelassener feiern zu können. Der mäßige Konsum von Alkohol wird oft als angenehm empfunden, da Alkohol enthemmt. Soziale Kontakte aufzunehmen, fröhlich und ausgelassen zu sein erscheint oft einfacher. Genauso lässt sich der tägliche Ärger und Frust mit der entsprechenden Dosis vermeintlich leichter „runterspülen“.

Oft wird der Konsum im Laufe der Jahre schleichend immer mehr. Es gibt immer mehr Anlässe, zu denen getrunken wird und nicht selten erhöht sich auch die Dosis im Laufe der Zeit. Doch ist es wirklich so unbedenklich, täglich oder regelmäßig den liebgewordenen Schlummertrunk zu sich zu nehmen? Ab welcher Menge schade ich meiner Gesundheit? Wie viel ist denn eigentlich zu viel?

 

Definition von Konsumklassen

Alkohol ist ein Zellgift und ist in keiner einzigen Menge gesund oder risikofrei. Mit zunehmendem Konsum steigt das individuelle Risiko psychischer und physischer Schäden. Zur Einschätzung des individuellen Risikos wurden in den letzten Jahren von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) Konsumklassen definiert (in Gramm Reinalkohol pro Tag). Im gesundheitlich grünen Bereich befindet sich, wer als Frau maximal 10 g, als Mann maximal 20 g Reinalkohol pro Tag konsumiert. Man kann sich gut an der kleinsten Gläsergröße orientieren: 10 g Reinalkohol entsprechen 0,125 l Wein/Sekt, 0,25 l Bier oder 0,2 cl Schnaps.
Dies bedeutet, dass Frauen nicht mehr als maximal 1 kleines Glas Sekt/Tag und Männer nicht mehr als 2 kleine Gläser Sekt trinken sollten, wenn sie ihrer Gesundheit keinen Schaden zufügen wollen. Zusätzlich gilt, an wenigstens 2 Tagen pro Woche alkoholfrei zu bleiben und mindestens ein Mal pro Jahr über einen längeren Zeitraum von wenigstens 6 Wochen gar keinen Alkohol zu konsumieren.

 

Ab wann wird von einer Alkoholabhängigkeit gesprochen?

Abhängigkeit kann sich in verschiedenen Merkmalsausprägungen ausdrücken. Das aktuelle Diagnosesystem ICD -10 enthält acht Kriterien, von denen mindestens drei im letzten Jahr erfüllt gewesen sein müssen, um eine Abhängigkeit festzustellen.

  • Ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang Alkohol zu konsumieren.
  • Verminderte Kontrollfähigkeit über den Alkoholgebrauch, d.h. über Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums.
  •  Ein körperliches Entzugssyndrom, wenn Alkohol reduziert oder abgesetzt wird.
  • Substanzgebrauch erfolgt mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern und der entsprechend positiven Erfahrung.
  • Toleranzentwicklung gegenüber den Alkoholwirkungen, d.h. für den gewünschten Effekt müssen größere Mengen Alkohol konsumiert werden.
  •  Ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol oder der Substanz, wie z.B. die Tendenz zu trinken und die Regeln eines gesellschaftlich üblichen Trinkverhaltens außer Acht zu lassen.
  •  Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums.
  • Anhaltender Substanz- oder Alkoholkonsum trotz Nachweis eindeutiger schädlicher Folgen.

 

Gesundheitsgerechter Umgang mit Alkohol

Wie ist es bei Ihnen oder bei Ihren Angehörigen? Es kann hilfreich und sinnvoll sein, sein eigenes Konsumverhalten einmal näher zu betrachten, um eine gelungene Balance zu finden zwischen Genuss als Stärkung der Lebensqualität und anderen Wegen, die alltäglichen Schwierigkeiten zu meistern.

Ein Blick von außen sieht oft mehr als der eigene Blick und kann auf diese Weise Veränderungen anregen. Psychotherapeutische Unterstützung kann helfen, einen gesundheitsgerechten Umgang mit Alkohol zu erlernen.