Anrufer allen Alters holen sich Expertenhilfe zum Thema Sucht

Nordwest Zeitung, 20.06.2015

Vier Uhr nachmittags, fünf Experten - alle gut vernetzt und mit kannenweise Kaffee ausgestattet. Bevor irgendwer einen Schluck trinken kann, klingelt das erste Telefon. Direkt zu Beginn der Aktion „Drg's r not dead" („Drogen sind nicht tot"), für die die NWZ und der Präventionsrat Oldenburg fünf Fachleute in Sachen Suchtfragen ins Verlagsgebäude eingeladen hat, kamen die ersten Anfragen. Anrufern aus dem ganzen Nordwesten brennen Fragen zum Thema Drogen unter den Nägeln.

Auch über das Internet wird eifrig gechattet. Während die jungen Online-Nutzer vorwiegend Probleme wie Cybermobbing umtreibt, geht es in den Telefonaten mehr um den Umgang mit illegalen Substanzen. Die vier Berater am Hörer haben neben Listen mit Telefonnummern von Anlaufstellen in der Region allesamt etliche Jahre Erfahrung mitgebracht und antworten souverän auf Fragen wie:

Meine Tochter nimmt Drogen - was soll ich tun? Friederike Sohn, die eine Praxis für qualifiziertes Ge-sundheitsmanagement und Suchtfragen leitet, rät dem besorgten Vater: Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass Sie da sind. Ihre Tochter ist volljährig, Sie können ihr nichts mehr verbieten. Auch wenn es schwer ist - geben Sie ihr Zeit. Zwingen Sie sie zu nichts. Versuchen Sie sich lieber abzugrenzen von der Sucht. Nur wenn Sie als Eltern stark sind, können Sie Ihrem Kind helfen. Scheuen Sie nicht davor zurück, sich Unterstützung zu suchen.

Wie schütze ich den Enkel vorm süchtigen Vater? Charlotte Rechenmacher, die als Fachärztin für Psychiatrie eng mit der Beratungsstelle Rose 12 zusammenarbeitet, sagt: Wenden Sie sich ans Jugendamt. Dort wird man gegebenenfalls den Vater überprüfen, Drogentests machen und ihm, bei einer Gefährdung für das Kind, das Sorgerecht entziehen oder den Kontakt untersagen - je nach Schweregrad der Sucht. In jedem Fall wird eine Eltern-Kind-Beziehung durch Drogenkonsum gestört. Selbst wenn es nur ein Verdacht ist, sollten Angehörige und Freunde nicht wegschauen.

Mein Kind hat Drogen versteckt, soll ich zur Polizei? Sabine Schultz von der Beratungsstelle Rose 12 antwortet: Mit einer Anzeige würde ich vorsichtig sein - als letzte Alternative vielleicht. Zur Polizei zu gehen, zerstört jegliches Vertrauensverhältnis. Allerdings sollten Sie klar machen, dass Sie keine illegalen Substanzen in Ihrem Haus dulden. Rein rechtlich würden Sie sich damit sogar strafbar machen. Ihre Aufgabe als Elternteil ist es, Position zu beziehen. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie sich Sorgen machen, bieten Sie Hilfe an - zum Beispiel einen gemeinsamen Besuch einer Beratungsstelle. Das Ziel sollte sein, den Kon-takt zu Ihrem Kind nicht zu verlieren. Nehmen Sie dabei ruhig Unterstützung von Fachleuten an.

Habe ich Schuld an der Sucht meines Kindes? Sabine Schultz sagt: Hören Sie auf, Schuldgefühle zu haben. Das bringt keinem etwas. Menschen machen Fehler, und keine Eltern sind perfekt. Aber deshalb alleine werden Kinder nicht drogenabhängig. Gründe für Sucht sind immer vielfältig. Gehen Sie mit anderen Angehörigen ins Gespräch - in Selbsthilfegruppen kann man sich gegenseitig unterstützen.

Ein Freund spielt zehn Stunden am Rechner - was soll Ich tun? Mario Mohrmann, Diplomsozialpädagoge und Leiter für Kinder und Jugendschutz bei der Stadt, schreibt im Internet-Chat zurück: Es ist gut, dass Du Dir Sorgen machst - hier besteht auf jeden Fall eine Suchtgefahr. Sprich Deinen Freund auf das Problem an, konfrontiere ihn. Sag ihm, dass Du Dir Sorgen machst. Hole Dir selbst auch Unterstützung in Fachstellen für Spielsucht. Wenn Du magst, biete Deinem Freund an, ihn dorthin zu begleiten.

Meine Freundin kifft jedes Wochenende - gefährlich?  Friederike Sohn sagt: Drogenkonsum stellt immer. eine Gefahr dar. Nicht nur für den, der sie nimmt. Deine Freundin setzt zum Beispiel beim Fahrrad- oder Autofahren andere Verkehrsteilnehmer einem Risiko aus. Sag ihr das. Sag ihr auch, dass Du Veränderungen an ihr bemerkst. Werde ganz konkret, zähle Beispiele auf, sende Ich-Botschaften. Mache ihr aber nicht nur Vorwürfe, sondern biete ihr auch Deine Hilfe an.

Mein Freund leugnet die Alkoholsucht - was hilft? Charlotte Rechenmacher, rät: Sag die Wahrheit, leugne nicht mit, sprich Deinen Freund ganz offen an, rede mit Ärzten und hole Dir Hilfe bei Angehörigengruppen. Du bist nicht alleine mit dem Problem, es gibt Hilfe. Am Ende des Tages ist noch viel Kaffee übrig und sicher sind noch Fragen offen, die die Fachleute in den Beratungsstellen beantworten.